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VON STEFAN SCHICKHAUS
Was Bernd Loebe wohl spontan gedacht haben mag, als er hörte, in Bad Orb werde in diesem Jahr Fidelio gespielt? Der Intendant der Oper Frankfurt hat vielleicht kurz gezuckt, geschluckt, ist im Geiste die Rollen durchgegangen, die für Beethovens einzige Oper besetzt werden wollen. Doch das Vertrauen in Bad Orb scheint jedenfalls gesiegt zu haben. Sonst wäre Bernd Loebe weder im März selbst Mitglied der "Freunde der Opernakademie Bad Orb" geworden - das 200. übrigens - noch hätte er wohl guten Gewissens die Schirmherrschaft über die 20. Opernakademie übernommen. Diese Opernakademie wird seit 1990 vom Frankfurter Kammersänger Carlos Krause geleitet, der 1975 als Bassbariton an jenes Opernhaus kam, das Loebe als Intendant führt. Im Jubiläumsjahr 2006 konnte dem Sänger dort erst zum 70. Geburtstag, dann dazu gratuliert werden, dass er seit 50 Jahren auf der Bühne steht.
Die Herausforderung
Beethovens Fidelio sei ein Meisterwerk mit großen
Herausforderungen für Solisten, Chor und Orchester, sagte Loebe, und er
wünsche allen Beteiligten Glück und Gesundheit. Das konnten die auch
gut gebrauchen, denn wenn in Bad Orb Oper gespielt wird, ist im Grunde
bereits ein einfaches Singspiel eine große Herausforderung. Denn die
wenigsten Positionen werden hier mit wirklichen Profis besetzt, für die
"Glück" kein entscheidender Faktor für das Gelingen mehr sein muss. Die
Opernakademie lässt zwar Oper unter Realbedingungen spielen, bringt für
die Solistenpartien jedoch junge, kaum erfahrene Sänger auf die Bühne.
Sie ist ein Instrument der Nachwuchsförderung, eines mit
Seltenheitswert in Deutschland, wenn auch nicht das einzige dieser Art
hier zu Lande, wie man in Bad Orb von sich behauptet. Auch etwa auf
Schloss Rheinsberg kümmert man sich fast genau so lange schon um die
nächste Bühnensängergeneration.
Jetzt also Fidelio, das
Meisterwerk zum Jubiläum. Hier nach dem üblichen Verfahren vorzugehen,
alle Solisten mittels Bewerbung und Vorsingen auszuwählen, erschien
Carlos Krause zu riskant. So wurde diesmal das offene Konzept mit der
gleichen Chance für jeden vorübergehend geschlossen, lediglich für die
kleinen Partien des Don Fernando, der Marzelline und des Jaquino
konnten sich junge Sängerinnen und Sänger zum Casting anmelden. Für den
größeren Teil der Akteure ging Krause gezielt vor, lud ein, wen er für
geeignet erachtete.
Und das waren dann nun nicht mehr unbedingt Anfänger - wie auch, Fidelio
ist haarig: Ein Florestan muss heldenhoch und lyrisch gleichzeitig
klingen, eine Leonore braucht Kraft in der Höhe, im Ensemblesingen
müssen alle extrem versiert sein. Eine denkbar ungünstige Oper also, um
Nachwuchskräfte auf Augenhöhe zu testen. Zudem muss das Orchester
einiges leisten und der Chor noch mehr, jedes gut bestückte Opernhaus
macht um die mitunter recht unsanglich komponierte, orchestral
kniffelige Beethoven-Oper gerne einen Bogen.
Warum dies alles
vorausschicken? Nun, bei der Premiere jetzt in der Bad Orber
Konzerthalle wurde die Stufe zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht
ganz stolperfrei gemeistert. Der Mainzer Kapellmeister Michael Millard
hatte Mühe, im enorm breit gezogenen und dafür nur wenige Schritte in
die Tiefe gehenden Orchestergraben das Akademie-Orchester
zusammenzuhalten. Die Holzbläser und der Signal-Trompeter waren
tadellos, immerhin. Der Chor, aus Bad Orb und der Region rekrutiert,
hatte zwar mit dem "Gefangenenchor" eine der populärsten Chornummern
der Operngeschichte zu singen, doch auch er war der Herausforderung
kaum gewachsen.
Doch schließlich geht es um die jungen Solisten,
und die waren durchaus hörenswert. Dabei schnitten die über das Casting
gekommenen keinesfalls schlechter ab: Markus Gruber als Jaquino fiel
durch einen zwar noch wenig durchsetzungskräftigen, aber überaus
schönen, an Alter Musik geschulten Tenor auf, Markus Paul als Don
Fernando präsentierte einen kultivierten Bass, und Helena Günther
zeigte mit ihrer Marzelline die wohl stimmigste Gesamtleistung dieser
Produktion - die 26-Jährige deklamierte deutlich, war intonationssicher
und führte ihre Sopranstimme ohne jede Schärfe.
Mit Tilmann
Rönnebeck als Rocco und Jürgen Orelly als Don Pizarro hatte man in Bad
Orb vergleichsweise alte Hasen an Bord: Rönnebeck ist Ensemblemitglied
des Staatstheaters Cottbus, Orelly sang vielfach für die Frankfurter
Kammeroper und ist derzeit am Landestheater Eisenach verpflichtet. Der
Leistungsunterschied zu den Neulingen war deutlich, auch was die
Bühnenpräsenz anging. Gerade Orelly als bösartiger Gouverneur hatte
eine herrlich dunkle Ausstrahlung, dem Bösen gehört auch in Bad Orb die
Szene.
Problematisch besetzt war allerdings das Paar, um das sich in Fidelio
alles dreht. Annette Fischer als Leonore musst allzu stark forcieren,
Martin Constantin als Florestan stand vor dem Dilemma, vor dem jeder
Florestan-Sänger steht: Das Moderieren zwischen Druck und Fluss hat
schon ganz andere Kaliber in echte Nöte gebracht.
Eines
allerdings blieb unkompliziert auch in diesem 20. Jahr der
Opernakademie. Carlos Krause ist entschieden kein Befürworter von
Regietheater-Ideen, bei ihm bleibt die Szene stets eins zu eins
übersetzt und naturalistisch - die Gefangenen zerlumpt und gebückt, die
Schergen schwarz gekleidet und streng gescheitelt, die Personenführung
dabei doch geschickt und mit einem gewissen spielerischen Anspruch.
Und nächstes Jahr wird alles wieder gut. Dann wird sich Carlos Krause Don Pasquale von Gaetano Donizetti vornehmen, wo das Format stimmt und die Kirche im Dorf bleibt.
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