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Sprungbrett zu den großen Opernhäusern
2006-07-22 / Frankfurter Allgemeine Zeitung
Kategorie: Produktion 2006
 
 
 
Inhalt:

20 Jahre Opernakademie Bad Orb / „Fidelio" am 11. August

lu. BAD ORB. Auch wenn sich Carlos Krause mit seiner volltönenden Stimme bei den Proben in der Bad Orber Kon­zerthalle bisweilen lautstark Gehör ver­schafft, steht die Aufschrift auf seinem T-Shirt nicht für seinen Umgang mit den jungen Opernsängern, die er unter seine Fittiche genommen hat. „Abscheulicher" ist in Großbuchstaben aufgedruckt. Opernfreunde wissen freilich, worum es geht: „Abscheulicher! Wo eilst Du hin?" singt die Leonore in Beethovens Oper „Fi­delio". Der siebzigjährige Opernsänger aber, der lange Jahre dem Ensemble der Oper Frankfurt angehört und fünf Jahr­zehnte lang auf der Opernbühne gestan­den hatte, ist weder abscheulich, noch eilt er davon. Allenfalls eilt er auf der Bühne mit einer Agilität hin und her, die sein wahres Alter kaum erahnen läßt. Seit 1995 hat Krause die Gesamtleitung der Bad Orber „Opernakademie", einer bundesweit Ansehen genießenden Institu­tion zur Förderung des Opernnachwuch­ses, inne. Als Regisseur dabei ist er vom ersten Tage an. In diesem Sommer wird die zwanzigste Produktion erarbeitet -und die rund 1800 Besucher der beiden Vorstellungen erwartet ein rundum pro­fessioneller Opernabend. Das Budget von 50000 Euro könnte dabei schmaler kaum sein, meint Krause, gut die Hälfte koste alleine das Orchester. Für den Kammersänger ist die Leitung der Opernakademie Leidenschaft und Hobby. Ums Geldverdienen geht es ihm genausowenig wie den jungen Sängern, die sich mit einer Aufwandsentschädi­gung für die rund fünf Wochen lange Pro­benarbeit bescheiden. Kommunale För­dermittel gibt es keine, doch mit Sponso­ren und Eintrittsgeldern wird laut Karin Metzler-Müller, Vorsitzende der „Freun­de der Opernakademie Bad Orb", das Notwendige zusammengetragen. Seit fünf Jahren fungiert der Verein als Träger und Veranstalter der Akademie. Auch die Bad Orber leisten ihren Beitrag, indem sie den sieben Hauptdarstellern-und später auch den Mitgliedern des Or­chesters und den Nebendarstellern unent­geltlich Quartier gewähren, während die Stadt die Konzerthalle zum Unkosten­preis zur Verfügung stellt. Der ortsansässi­ge Maler Johannes Tittel entwirft das Büh­nenbild und baut die Kulissen in ehren­amtlicher Arbeit mit Bernhard Hessberger zusammen. Der Chor konstituiert sich aus Laien aus der Region. Michael Mil­iard, Kapellmeister am Staatstheater Mainz, vereint als musikalischer Leiter der Opernakademie den Chor seit Jahren musikalisch mit dem Orchester. Krause, der 2005 für seine Jugendförde­rung mit dem Kulturpreis des Kreises aus­gezeichnet worden ist, sieht sich das ganze Jahr über mit der Opernakademie be­schäftigt. Auf Flohmärkten kauft er die Kostüme und hält Ausschau nach jungen Gesangstalenten. Die Hauptdarsteller sind quasi handverlesen. Die anderen Sänger, die meist noch im Studium stehen, werden bei einem Vorsin­gen ausgewählt. Für so schwierige Auffüh­rungen wie „Fidelio" kann Krause nicht ausschließlich mit Anfängern arbeiten. Das stehe der Nachwuchsförderung aber nicht entgegen, denn ein Engagement zu bekommen sei außerordentlich schwierig. Und wer schon eines in der Tasche habe, für den steige mit der Opernakademie die Chance, auch eine große Rolle anvertraut zu bekommen. Krauses Ansatz ist nach seinen Worten einzigartig in Deutschland. Nirgendwo sonst könnten junge Sänger so intensiv an einer Produktion mitwirken. Das Anse­hen der Veranstaltung sei daher groß, der Andrang an Interessenten entsprechend und die Karrierechancen beachtlich. Für viele sei der Auftritt in der Sommerakade­mie schon in einem Engagement gemün­det. Aber auch wenn es nicht klappen soll­te mit einer festen Anstellung, lohnt sich die Teilnahme nach Ansicht der Solisten auf alle Fälle. „Die Rolle sitzt bei mir ein ganzes Leben lang", glaubt Tilmann Rön­nebeck. Der 33 Jahre alte Tenor ist ver­gleichsweise erfahren und singt den Ker­kermeister Rocco. Für Annette Fischer, die als Leonore ihre bisher größte Sanges­partie bewältigt, stehen ebenfalls die Pro­ben im Mittelpunkt. „Wir sind vor allem hier, um zu lernen", sagt die junge Frau, die in Frankfurt ihr Operndiplom erwor­ben hat.

 
 

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