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Jede Probe ein Genuß
2006-02-26 / Frankfurter Allgemeine Zeitung
Kategorie: Verein
 
 
 
Inhalt:
Frankfurt. Heute wird es bei Car­los Krause auch Chili con carne ge­ben. Selbst gekocht, versteht sich. Eine kleine Erinnerung des Ham­burgers an die Ursprünge, die bei­nahe etwas von Thomas Mann ha­ben. Der Frankfurter Kammersän­ger erinnert sich daran humorvoll, warmherzig und ohne Pathos. Den spanischen Vornamen verdankt Krause seinem aus Mexiko einge­wanderten Vater. Kaufmann war der, hanseatische Kaufleute sind auch die beiden jüngeren Brüder. Er sei der Exot in der Familie, lacht Carlos Krause. Vom Opern-kinderchor ging er als Chorist an die Hamburger Oper. Der musisch ambitionierten Eppendorfer Ober­schule verdanke er seinen Beruf, sagt Krause, den sie damals „Caru­so" riefen. Erst in den achtziger Jahren konnte er zum ersten Mal zu seinen Wurzeln reisen; als der Vater früh starb und Krause in überaus bescheidenen Verhältnis­sen, verantwortlich für die Ge­schwister, wenn die Mutter arbeite­te, aufwuchs, kannte er sie nur aus Briefen. Nun ist er jedes Jahr in Mexiko, als mittlerweile spanisch-sprachiges Mitglied einer offenbar recht umtriebigen Familie.
Das dürften die gemeinsamen Gene sein, denn Carlos Krause, der im vergangenen Jahr auf 30 Jah­re im Ensemble der Frankfurter Oper zurückblickte, ist nichts weni­ger als im Ruhestand - obwohl er das nun schon seit fünf Jahren ist. Er genießt es in vollen Zügen, die­ses Leben, und spricht davon wie von einem großen Geschenk. Die vergangenen fünf Jahre seien für ihn wohl die schönsten gewesen, sagt der Baß: Denn nach den Hauptrollen an kleinen Bühnen, zuletzt in Mainz, kam in Frankfurt von 1975 an das sogenannte Utilite-Fach - kleine Rollen, in denen er doch immer prägend war. Nun erst, nach der Pensionierimg, singt er, was er immer singen wollte, in Frankfurt und als Gast an den Häu­sern, von denen so mancher Sän­ger träumt. Daß er jahrelang oft doppelt so viele Auftritte hatte wie vertraglich vereinbart, hat ihm nicht nur den Kollegenreim „Ob vor oder nach der Pause / irgend­wann kommt der Krause" in der Ära Gielen eingetragen. Das Publi­kum kennt und liebt ihn. Und die andauernde Arbeit habe die Stim­me zu dem gemacht, was sie wur­de, sagt der Baß: „Ich fühle mich heute stimmlich wohler als vor zehn oder 15 Jahren." Das Geheim­nis erklärt er so: Ist die Stimme gut geführt, „wächst und wächst sie". Krause nutzt das späte Glück, das er nicht erwartet hat: An der Staats­oper München, wo er jüngst auf­trat, oder der Deutschen Oper Ber­lin, wo er in „Manon Lescaut" den Geronte singt. Die Größe der Oper sei egal, sagt Krause: „Man muß in jedem Haus gleich gut sin­gen." Das ergänzt sich ideal mit an­deren Freuden. Am Wohnsitz Frankfurt begrüßen den Besucher schon auf der Straße Bühnenköpfe in allen Fenstern, und eine Mario­nette im Wohnzimmer trägt die Züge des Hausherrn. Von seiner Sammelleidenschaft spricht Krau­se mit beinahe schelmischer Freu­de. Sie ist Frucht der Arbeit. Die meisten der Zuschauer an der Frankfurter Oper dürften noch gar nicht bemerkt haben, daß der 1993 ernannte Kammersänger im Ruhestand ist, so oft steht er auf den Besetzungslisten. Langsam soll das ausklingen, sagt Krause, aber so klingt es nicht: Im April wird er in Frankfurt den Theaterdi­rektor in der „Verkauften Braut" singen - eine neue Rolle für ihn, aber schon die vierte, die er dann in der „Braut" im Lauf seiner Kar­riere studierte. Und immer wieder gastiert er an Opernhäusern kreuz und quer in der Republik, ange­fragt von Regisseuren, die ihn schätzen: ein Probender. Proben sind ihm ein Genuß - die Auffüh­rungen eher „notwendig". Wer ihn jemals gesehen hat, wie er in Bad Orb als Regisseur und Herz des Ganzen die Stipendiaten der Opernakademie bei dem som­merlichen kleinen Festival moti­viert, glaubt ihm. Den jungen Sän­gern, die aus aller Herren Ländern kommen und sich als Hundert­schaft bei ihm um die wenigen Rol­len bewerben, will er ermöglichen, was weder Studium noch die er­sten Berufsschritte ihnen seiner Meinung nach ausreichend bieten: eine große Partie zu studieren und das Spiel zu lernen, das für Krause unabdingbar zum Sänger gehört. „Sich einfach hinstellen und singen geht nicht" ist so ein Krause-Satz, der für ihn selbst immer galt. Des­halb kennt und schätzt ihn das Pu­blikum. In diesem Jahr wird er in Bad Orb den „Fidelio" inszenie­ren. Und für seine Verdienste um die Opernakademie, die in diesem Jahr in das 20. Jahr geht, wird er dort diese Woche Ehrenbürger.
 
 

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